Tanzchiste - Seite 2
Aktualisiert (Freitag, den 12. März 2010 um 19:00 Uhr)
Der tanzende Gaukler im Kloster
Es war einmal ein Gaukler, der die Leute mit seinen Spässen und Kunststücken erfreute. Er konnte springen, auf seinen Händen laufen und tanzen, dass es eine Art hatte. Er zog von Ort zu Ort, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, und überall gaben ihm die Leute so viel, das es ihm zum Leben
gereichte.
Endlich war er all des Treibens müde, und er klopfte an das Tor eines
Klosters. Er bat, in die Reihe der Mönche aufgenommen zu werden.
Der Abt gab ihm eine Mönchskutte, und er reihte sich bescheiden als letzter
ein, wenn die Mönche zum Gebet schritten.
Bald aber wurde sein Herz von tiefem Gram erfüllt: Er konnte nicht mitsingen, wenn der Chor der Klosterbrüder sang. Er wusste die lateinischen Worte nicht zu setzen, die die Mönche beim Gebet sprachen. Er verstand auch nicht in den frommen Büchern des Klosters zu lesen. Er fühlte, dass er hier
unnütz sei. Das bedrückte ihn sehr.
Eines Tages schlich er in eine einsame Kapelle, als die Glocke die Mönche zur Frühmesse rief. Ein Gedanke hatte ihn erfasst: „Wenn ich schon die Psalter nicht mitsingen kann, so will ich doch etwas tun, was ich kann." Er legte das Mönchsgewand ab. Und in seinem bunten Gauklergewand, das er
unter der Kutte trug, begann er zu tanzen.
Er drehte sich in unermüdlichem Schwung hierhin und dorthin. Seine Arme waren wie die Flügel eines Schmetterlings. Er sprang seine höchsten Sprünge, er schlug das Rad, er lief auf den Händen durch die Kapelle. Mit einem Wort: Er tanzte voller Inbrunst, mit Leib und Seele. Er tanzte, um Gott
zu erfreuen. Er tanzte, bis er atemlos niedersank.
Ein Mönch war ihm heimlich gefolgt und hatte durch einen Türspalt diesen
Tanz gesehn. Er eilte zum Abt und holte ihn herbei.
Am nächsten Tag liess dieser den Bruder zu sich kommen. Zerknirscht fiel der vor dem Abt auf die Knie. Kaum konnte er seine Tränen zurückhalten: „Ich weiss, dass ich ein schlechter Mönch bin. Anstatt zu beten habe ich getanzt. Ihr habt Recht, wenn ihr mich aus dem Kloster verweist. So will ich
freiwillig wider auf die Strasse gehen!"
Doch der Abt zog ihn zu sich empor und sagte: „Du hast mit deinem Tanzen eindringlicher zu Gott gesprochen, als wir es alle tun. Denn oft sind es nur
unsere Lippen, die die Worte formen, nicht unsere Herzen.
Bleibe bei uns. Deine Frömmigkeit kommt aus dem Herzen. Du ehrst Gott
mit Leib und Seele durch dein Tanzen." Nach einer französischen Legende aus dem ASV-Rundbrief Nr. 154 / Mai 2006
Der Räuber mit dem weichen Herzen
Zweitausend Jahre mag es her sein, da lebte ein furchtbarer Räuber. Alle Tiere und selbst die Pflanzen erzitterten, wenn sie seine Stimme hörten. Er besass ein Schwert, das war so scharf, dass er damit den Wind zerschneiden konnte.
Eines Tages traf er die Gottesmutter, die mit dem Kind auf der Flucht nach Ägypten war. Josef war ein Stück vorausgegangen, um den Weg zu erkunden. Maria sass da und ruhte ein wenig, das Kind im Arm.
Der Räuber schrie mit fürchterlicher Stimme, als er Maria mit ihrem Kinde sah.
Maria sprach sanft: „Sei nicht so laut. Das Kind schläft."
Dem Räuber verschlug es den Atem, als er die Gottesmutter so freundlich sprechen hörte. „Fürchtest du dich etwa nicht vor mir?", brummte er schon etwas leiser.
„Nein, ich sehe nämlich, dass du ein gutes Herz hast. Warum also sollte ich mich fürchten? Du bist ja gar kein Räuber, du tust nur so." Der Räuber blickte verlegen auf den Boden.
Schliesslich sagte er: „Ich möchte dem Kind eine Freude machen. Aber womit? Ich habe ja nichts und ich kann auch nichts. - Doch, ich weiss etwas, ich werde vor ihm tanzen."
Und langsam begann er sich zu drehn. Immer schneller wurden seine Drehungen und seine Sprünge. Kunstvoll wendete er sich nach allen Seiten. Sein Schwert zischte durch die Luft. Seine Füsse stampften auf den Boden, kräftig und doch anmutig. - Nie hatte man dergleichen bei einem Räuber gesehn.
Der Räuber tanzte seinen Tanz, bis er erschöpft niedersank.
Maria war gerührt, das Kind streckte seine Hände nach ihm aus, und die Tiere staunten, dass dieser fürchterliche Mann vor einem Kind tanzte.
Die kleine Familie zog weiter. Lange sah der Räuber ihnen mit freundlichen Augen nach.
Er sei später ein grosser Heiliger geworden.
Nach einer alten Sage
Nachdruck mit Erlaubnis aus dem ASV-Rundbrief Nr. 156 / Dezember 2006
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