Tanzen im Sitzen

Aktualisiert (Freitag, den 12. März 2010 um 19:27 Uhr)

 

 

Definition

Tanzen im Sitzen ist eine ganzheitliche Förderung bewegungseingeschränkter und/ oder pflegebedürftiger Menschen. Tanzen im Sitzen kann für sich ein eigenständiges Bewegungsangebot sein. Es können daraus aber auch Teile bereichernd in andere Bewegungsangebote integriert werden. Tanzen im Sitzen ist sehr vielfältig und lebt von der Musik. Sie spricht den Menschen ganzheitlich an und erfasst ihn nicht nur körperlich, sondern auch geistig-seelisch. Die noch vorhandenen Bewegungsmöglichkeiten werden genutzt und verbessert; dabei dienen die Musik, der Rhythmus und diverse Handgeräte als Unterstützung. Gut ausgewählte Musik mit ihren Impulsen verlockt, das Gehörte bewegungsmässig umzusetzen. Dieses Zusammenspiel von Musik und Bewegung ist der Ansatz der Tanzarbeit. Dabei werden der Kontakt und die Gemeinschaft in der Gruppe gefördert, Wohlbefinden, Lebensmut und Lebensfreude wachsen. Die Durchführung einer lebendigen, fröhlichen Stunde wirkt sich positiv in den Alltag aus. Folgende Ziele werden dabei angestrebt:

Aktivieren und trainieren von Alltagsbewegungen
Lockern und entspannen
Verbessern von Konzentration, Merkfähigkeit, Reaktionsvermögen und Koordination
Erleben von Gemeinschaft
Abbauen von Berührungsängsten
Stärken des Selbstvertrauens
Vermitteln von Freude an der Bewegung
Wecken von Erinnerungen

Eine Lektion Tanzen im Sitzen ist vielfältig und wird kreativ zusammengestellt. Sie enthält vor allem Tänze im Sitzen zu einem meist jahreszeitlich angepassten Thema. Dazu kommen Lieder, ein Gedicht, ev. ein kurzer Text und ein Gespräch.

 

Entwicklung

Die Idee des Tanzens mit Senioren stammt von Ilse Tutt aus Deutschland, einer erfahrenen Tanzleiterin an einer Volkshochschule. Sie wollte die älteren Menschen tanzenderweise aus der passiven Rolle reissen. Sie „erfand“ den Seniorentanz. In der Folge entstanden auch Tanzspiele und allmählich, für nicht mehr so mobile ältere Menschen, Sitztänze.

Mit der europaweiten Entwicklung des Seniorentanzes entstand auch die Idee von internationalen Treffen. Das erste Treffen fand 1983 in Belgien statt. Weitere folgten alle zwei, ab 1998 alle drei Jahre. 2001 organisierten die Schweizer Tanzleiterinnen das Treffen in Fiesch. 2004 reisten die Delegationen nach Dänemark, 2007 nach Deutschland. An diesen Treffen gab es regelmässig Workshops mit dem Angebot „Sitztänze“. So gelangten erste Sitztänze auch in die Schweiz.

Rosmarie Fehlmann, damals Zürcher Fachleiterin Volkstanzen, schrieb erste Choreografien und stellte die Musikkassette „Sitz- und Kombitänze“ zusammen. 1990 besuchte Susanne Bolliger-Heuss, damals Schweizer Fachleiterin Volkstanzen, das Seminar „Tanzen im Sitzen“ in Hannover. Doch sah sie ihre Aufgabe nicht primär im Vermitteln dieses Teilbereiches im Sitzen, sondern im Fördern des Seniorentanzens auf den Füssen. Zudem erachtete es die schweizerische Fachleiter/-innenkonferenz des Seniorentanzes nicht als ihre Aufgabe, sich dem Fördern dieses Teilbereiches anzunehmen. Das Vermitteln von Sitztänzen wurde dem Turnen überlassen und hatte zur Folge, dass jährlich eine knappe Stunde Sitztänze als Weiterbildung angeboten wurde.

Eine neue Entwicklung setzt ein.

1995 wurde Trudi Moser-Lehmann die Aufgabe übertragen, Sitztänze an Leiterinnen und Leiter zu vermitteln. Sie hatte die Fachleitung Volkstanzen im Kanton Solothurn übernommen. Um eine breitere Einführung ins Tanzen im Sitzen zu erlangen, besuchte Trudi Moser-Lehmann im Frühjahr 1996 das Seminar in Hannover mit den Referentinnen Christel Schulze und Edith Kruse, kurze Zeit später nochmals mit Theresa Martinelli-Biasio, Kursleiterin aus Zürich, die bereits Sitztänze erfolgreich kreiert und vermittelt hatte. Mit der Idee der Umsetzung eines ähnlichen Projektes in der Schweiz kehrten die beiden Frauen heim. Ein Jahr später war es soweit. Der erste Einführungskurs (heute Spezialkurs) wurde unter Pro Senectute Kanton Solothurn ausgeschrieben und fand breites Echo. Weitere Kurse folgten jährlich, und Fortbildungskurse kamen dazu.


Seit 1997 haben in 13 Spezialkursen viele Teilnehmende das Projekt Tanzen im Sitzen kennen gelernt. Zum Teil werden Sitztänze in Bewegungsangeboten im Heim integriert oder als Teil einer Turnstunde verwendet.

 

Organisation

In der Schweiz gibt es zur Zeit etwa 25 Gruppen, die regelmässig Tanzen im Sitzen im Angebot haben.

Siehe die Rubrik: "Tanzangebote für SeniorInnen: Tanzen im Sitzen".

Weitere Gruppen sind im Entstehen. Interessierte Frauen und Männer können einen dreitägigen Spezialkurs besuchen und anschliessend jährliche Fortbildungstage belegen.

 

Trudi Moser-Lehmann
Theresa Martinelli-Biasio